Die Impfungen gegen COVID 19 polarisieren. Es gibt verschiedenste Meinungen über sie: von einer „Manipulation“ durch die Pharmaindustrie bis zur Exitstrategie aus der weltweiten Pandemiesituation. Als Netzwerk Bindungsorientiert Freiburg ist es nicht unser Anliegen hier eine Position zu beziehen, oder gar Werbung pro oder contra Impfung zu machen.

Derzeit schließen jedoch einige Impfzentren, auch in Freiburg und Umgebung, stillende und schwangere Frauen grundsätzlich von der Impfung aus, oder setzen geimpfte Frauen unter Druck unverzüglich abzustillen. Dies widerspricht den Empfehlungen einschlägiger Fachgesellschaften und gefährdet Stillbeziehungen. Hierzu wollen wir Stellung nehmen und haben eine Forderung an das Sozialministerium in Baden-Württemberg formuliert.

Offener Brief als PDF zum weiterleiten:

Ein offener Brief des Netzwerks „Bindungsorientiert Freiburg“ und weiterer Fachpersonen

Immer wieder erreichen uns als Fachkräfte in der Arbeit mit jungen Familien derzeit Meldungen von Frauen, die von Impfzentren in Freiburg und Umgebung abgewiesen werden, weil sie stillen oder schwanger sind. Oder von Frauen, die zwar geimpft werden, ihnen aber als Bedingung für die Impfung genannt wurde, sie sollten noch am selben Tag abstillen.

Die Impfung gegen COVID 19 ist für Schwangere und Stillende (noch) nicht offiziell zugelassen. Beide Gruppen waren in der klinischen Erprobung der Impfstoffe aus ethischen und haftungsrechtlichen Gründen ausgeschlossen. Vom Land Baden-Württemberg wird die Impfung derzeit „in der Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen“. Es liegen aber auch keine belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung für Mutter und Kind vor.

Wir als Fachkräfte, zu denen auch Stillberaterinnen, Hebammen und Ärztinnen gehören, möchten uns dazu gerne äußern.

Das letzte Jahr war für uns alle, besonders aber für Familien, ein herausforderndes. Der Silberstreif am Horizont ist die Impfung. Sie verspricht uns allen, und besonders Familien, dass die größten Ängste und Sorgen, die die Pandemie mit sich brachte, deutlich gemildert werden.

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften zum Impfen Stillender sind eindeutig:

Anfang Mai 2021 erklärten die Fachgesellschaften ihr Positionspapier in einer gemeinsamen Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG),der Deutschen Gesellschaft für Pränatal-und Geburtsmedizin (DGPGM), der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM),der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF), der AG Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der DGGG (AGG), Arbeitsgemeinschaft für Infektionen und Infektionsimmunologie in der Gynäkologie und Geburtshilfe (AGII),der AG Universitäre Reproduktionsmedizinische Zentren der DGGG (URZ),des Dachverbands Reproduktionsbiologie und –Medizin (DVR),der Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe (BLFG),und des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF):

“In informierter partizipativer Entscheidungsfindung und nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen wird empfohlen, schwangere und stillende Frauen priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen COVID-19 zu impfen.”

 Auch international wird die Impfung stillenden Frauen empfohlen und praktiziert. Die österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe schreibt „Die Impfung soll und kann stillenden Frauen empfohlen werden und stellt keinen Grund dar, die Stillzeit vorzeitig zu beenden. Durch die Impfung gebildete Antikörper gegen eine Infektion mit SARS- CoV2, welche durch die Muttermilch auf das Neugeborene übertragen werden, sind als potentiell schützend anzusehen. Es gibt momentan keine ausreichenden Daten, welche die Anwendung während der Stillzeit erlauben, es existieren jedoch keinerlei Hinweise für potentiell negative Auswirkungen.“

In den USA wird die Impfung inzwischen sowohl Schwangeren als auch Stillenden trotz der fehlenden Daten empfohlen:

„(…)Based on how these vaccines work in the body, COVID-19 vaccines are thought not to be a risk to lactating people or their breastfeeding babies. Therefore, lactating people can receive a COVID-19 vaccine. Recent reports have shown that breastfeeding people who have received COVID-19 mRNA vaccines have antibodies in their breastmilk, which could help protect their babies. More data are needed to determine what protection these antibodies may provide to the baby.”

 Die Vergabe von Impfterminen ist derzeit noch stark reguliert. Personen, die jetzt einen Termin zur Impfung bekommen, haben beruflich oder gesundheitlich bedingt ein erhöhtes Infektionsrisiko oder das Risiko bei einer Covid-19 Erkrankung einen schweren oder tödlichen Verlauf zu erleben. Die Frauen, die nun an den Impfzentren abgewiesen werden, erleben ein großes Dilemma. Ein plötzliches Abstillen, um geimpft zu werden, ist für Mutter und Baby eine sehr problematische Entscheidung. Nicht geimpft zu werden, insbesondere bei hohem persönlichem Risiko, gefährdet die Gesundheit und das Leben der betroffenen Person. Das Frauen beim Termin im Impfzentrum das Stillen verschweigen müssen oder aber nicht sicher sein können, ob sie die Schutzimpfung erhalten, sehen wir als absolut indiskutablen Eingriff in die Selbstbestimmungsrechte der Frauen

Das Vorgehen in den verschiedenen Impfzentren in Baden-Württemberg ist derzeit sehr uneinheitlich.

Wir schließen uns der oben genannten Stellungnahme der Fachgesellschaften an und plädieren an die Verantwortlichen in der Politik:

Erstellen Sie anhand der Stellungnahmen der oben genannten Fachgesellschaften eine aktuelle, bindende Empfehlung für die Impfung gegen COVID 19 bei schwangeren und stillenden Frauen.

Schaffen Sie mit dieser Empfehlung für die ÄrztInnen eine solide Rechtsgrundlage und ein einheitliches Vorgehen in Baden-Württemberg.

 Die Unterzeichner:

Für das Netzwerk Bindungsorientiert Freiburg:

Saskia Durst Doula Geburtsbegleiterin
Vanessa Hilzinger Ärztin
Elena König Dipl. Sozialpädagogin, SAFE Mentorin
Teresa Kotter Dipl. Sozialpädagogin, systemische Beraterin, Stillberaterin i.A.

 

Franziska Risch Erzieherin, Babysteps-Kursleiterin
Steffi Schick Hebamme
Viola Walz Fachpflegekraft für Anästhesie und Intensivmedizin, Trageberaterin
Daniela Wiebe Dipl. Sozialpädagogin, Stillberaterin
Ildico Wilde Journalistin, Trageberaterin

 

Mitzeichnende:

Dr. Anna Bodemer

Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin, Frauenarztpraxis

im Stühlinger Freiburg

Dr. Monika Gerber Oberärztin an der Frauenklink am Diakonie Krankenhaus Freiburg
Geburtshaus Freiburg Hebammen des Geburtshauses Freiburg
Susanne Hentzler Hebamme, Still- und Laktationsberaterin IBCLC
Dr. Kristina Hügl

Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin am Diakonie

Krankenhaus Freiburg

Dr. Susanne Markert

Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin, Frauenarztpraxis

im Stühlinger Freiburg

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